Many Shades of Blue
“The dark side of Blue” -haushundhirschblog
© alle Geschichten: Martin Haeusler
© alle *Folgen: Klausbernd Vollmar
Ich habe schon gar keine Lust mehr, mich zu beklagen. Warum auch? Erstens hilft es mir nicht und zweitens geht es mir gut hier. Sage ich mir. Man kümmert sich um mich. Wirklich. Da gibt es nicht. Noch nie war ich in einer Klinik, in der man sich so aufmerksam um mich bemüht hätte. Gestern erst, die Schwester, die mir die Schlaftablette gegeben hat. Wie nett sie mit mir gesprochen hat. Nein, ich bräuchte mir keine Sorgen machen. Die Methoden des Herrn Professor hätten sich bewährt, jeden Tag könne sie sich davon überzeugen. Wann das blaue Licht abgeschaltet wird, wusste sie allerdings auch nicht. Vertrauen solle ich dem Professor, ganz in dieser blauen Welt versinken, das habe doch etwas Schönes, hat sie mich angelächelt.
Ja, man kümmert sich um mich. Sie stellen mir frische Blumen hin, große Sträuße, wechseln mit betonter Vorsicht meine Verbände. Immer frische Blumen. Ich mag sie schon gar nicht mehr ansehen. Sie sind ja doch nur blau und schwarz. Jeden Tag blaue und schwarze Blumen ansehen, nein, da träume ich lieber vor mich hin.
Meine Sachen haben sie mit einem Tuch abgedeckt. Damit mich nichts ablenkt. Na prima, wie soll ich mit diesen Verbänden auch Bücher lesen? Radio oder Fernseher gibt es nicht. Ablenkung gefährde den Heilungsprozess, hat einer aus dem Ärzteteam zu mir gesagt. Da war ich schon froh. Das war wenigstens eine Aussage. Normalerweise reden die Ärzte nur wenig. Und wenn, dann halblaut unter sich. Wozu diese Verbände, habe ich mal gefragt. Weil es mir gut tue, der Professor habe das so angeordnet. Das sind so die Standard-Auskünfte.
Vor fünf Tage ist mir der Kragen geplatzt. Ich will endlich wissen, wie lange ich dieses verdammte blaue Licht noch ertragen muss, habe ich gerufen, so bestimmt, wie ich konnte. Das Team hat sich in die andere Zimmerecke zurückgezogen und diskutiert. Irgendwie ging es um zwei oder drei oder vier. Beim Herausgehen hat der Professor laut gesagt: Vier, dabei bleibt es. Dann waren sie weg.
Vier, darüber denke ich seit dem nach. Vier Tage? Dann wäre gestern Schluss gewesen. Vier Wochen? Vier Tabletten? Vier Monate? Stufe vier?
Gibt es denn ein noch stärkeres Blau, eine höhere Dosis? Dauerlicht Blau auf dieser Stufe, da könne ich zufrieden sein, hat einmal eine junge Ärztin aus dem Team zu mir gesagt. Blau wie das Meer, Blau wie der Himmel, Blau werde mir gut tun. Mehr habe ich nicht herausbekommen können.
Blau wie das Meer, blau wie der Himmel. Im blauen Meer meine Krankheit ertränken, sie im blauen Himmel auflösen wie eine Wolke. Nein, nichts als romantische Träumerei. Glauben Sie mir, wenn ich eins gelernt habe in meiner Zeit in dieser Klinik, dann ist es das: Nicht das Meer oder der Himmel sind tief blau, sondern die Hölle.
© Martin Haeusler, 2012.
*Folgegeschichte
Natürlich ist die Hölle blau. Wer würde daran zweifeln? Hat nicht schon dieser alte Dante Kälte in der Hölle gespürt? Da war es eiskalt, da froren sich die Sünder blau. Aber was rede ich hier, als hätte ich nichts Wichtigeres zu tun. Ich muss diesem verflixten blauen Licht entkommen. Vier, immer diese vier als Zeitangabe. Die meinen doch wohl nicht vier Leben lang Blaulicht für mich. Das erinnert mich an meine Kindheit, in solchen Heftchen, die mit dem in Hamburg bestellten Kaffee kamen, dem meine Großmutter immer entgegenfieberte, las ich Gruseliges, ja mega Gruseliges über blaues Licht. Das war die Metapher für radioaktive Verstrahlung, ein Thema, das ich nicht gerade für kindgeeignet halte. Und so ging`s mir auch schlecht. Vielleicht war`s meine hysterische Konstitution, aber fürderhin sah ich allerorten dieses blaue Licht. Es konnte ja auch dort sein, denn in der Geschichte stand, blaues Licht sei unsichtbar. Unsichtbar und blau, schon Kind witterte ich da einen Widerspruch, dessen Vermutung mir jedoch nicht diese grausame Angst nahm. Und soll ich Ihnen eins erzählen, noch heute fürchte ich mich vor diesem blauen Licht und dann diese Lichtbestrahlungen.
Aber wissen sie was? Ich bin doch nicht doof. Da habe ich mir beim Kaufhof eine Glühbirne im Angebot, gleich am Eingang des Schnäppchenmarktes gekauft und diese mit gelber Ölfarbe angepinselt. Trickreich nicht?! So wird nämlich das Licht von Blau zu grün. So einfach ist das. Und grün ist doch die Hoffnung, die Hoffnung darauf, dass mich endlich einer versteht. Hier in der Psychiatrie, wohin mich die Ärzte überwiesen – oder sollte ich`s beim Namen nennen: abgeschoben – haben, hält man mich für paranoid. Aber ich frage Sie, haben Sie schon mal von einer Blau-Paranoia gehört? Ich auch nicht.
Erst seit gestern torpediere ich diese Blaubestrahlung mit meiner gelben Birne. Sie sehen den ersten Erfolg, ich kann klar beweisen, dass ich weder blausüchtig noch Blauphobiker bin. Ach, verdammt, nun habe ich diesen Beweis schon wieder vergessen. Woran ich mich erinnern kann? Ja, groß stand darunter q.e.d. – quod erat demonsrandum, ja, das heißt ich habe Recht, bin abgesegnet. Wenn da nicht dieses höllische blaue Licht wäre, dem meine kleine gelbe Birne noch zu wenig anhaben kann. Ich sage Ihnen, hier in der Anstalt bleibt mir nichts als das Blau wegzustieren, immer ins Leere, wo sich alles auflöst, wo sich das Blau zu Schwarz verdichtet, ja, ein schwarzes Loch bildet, das mich einfach ungefragt wegsaugt – ein Wirbel ins Blaue, ins blaue Loch. Der Herr Psychiater bemerkte, dass ich auf Blau “Sau” assoziierte, was er vermutete, aber als ich auf “Sau” “Sex” als Assoziation lieferte, zog er seine rechten Augenbrauen bedenklich hoch und schien interessiert. Was der wohl gesagt hätte, wenn ich zugegeben hätte, dass ich dieses ganze Blau-Getue für völlige Spinnerei halte? Das machen die nur, um mich, den Spezialisten für Blaulicht unschädlich zu machen, obwohl ich doch der Erfinder des Blaulichts der Polizei bin, das Blaue Band gespendet habe und selten blau mache. Ja, nun sagen Sie es mir, was kann ich denn noch mehr tun?
© Klausbernd Vollmar, 2012.
“The dark side of Blue” – Frau Blau vom Café Weltenall
Ich saß gerade bei Frühstück. Toast und frische Johannisbeer-Marmelade, 100% schwarze Johannisbeeren, was gibt es besseres. Vor der Tür hielt ein Kleinlaster, Spedition Fischer, Art-Logistics, Ihr Partner für die Kunst. Komisch, dachte ich, was will der hier, sollten die Nachbarn ihr frisch renoviertes Haus jetzt mit Ölgemälden ausstatten? Tatsächlich aber klingelte es bei mir. Ein freundlich grinsender, aber recht verschwitzter Mann hielt mit der einen Hand ein riesiges Paket fest, in der anderen hatte er einen Lieferschein. Hier, bitte unterschreiben, sagte er. Ich? Ich hatte neue Kabel für meine Lautsprecher bestellt, aber nicht so ein riesiges Ding, offensichtlich ein wohlverpacktes großes Bild. Ich las mir sorgfältig den Lieferschein durch. Meine Adresse stimmte. Absender: Galerie Dina, Bonn, Dorotheenstrasse 45. Ware bar bezahlt. Wir danken für Ihren Einkauf, Datum irgendwann vorige Woche. Unschlüssig stand ich mit dem Lieferschein in der Hand herum. Der Fahrer der Spedition wurde ungeduldig. Los, unterschreiben Sie, meinte er, ist doch alles bezahlt, wenn was nicht stimmt, holen wir das Bild kostenlos wieder ab, das ist bei uns selbstverständlich. Ich unterschrieb, ließ mir den Durchschlag aushändigen und schleppte das Bild, das schwerer war als erwartet, in den Flur.
Natürlich habe ich es sofort ausgepackt. Ein tiefblaues Ölgemälde, gegenstandlos, verschiedene Felder mit blau-schwarzen, sich verästelnden Strukturen, sicher 1,50 x 1,50 m groß, auf der Rückseite signiert: Frau Blau. Ich habe das Bild an den Küchenschrank gelehnt und mich wieder meinem Frühstück zugewendet, fand aber keine Ruhe mehr. Was mochte da los sein? Frau Blau. Nie gehört, aber wozu gibt es das Internet? Ein Modelabel, ein Varieté-Dua, eine Physiotherapeutin, jede Menge Nick-Names. So kam ich nicht weiter. Dann rief ich Irmgard an, meine Lebensgefährtin. Das hätte ich besser nicht getan. Irmgard, müssen Sie wissen, ist nämlich von Beruf Staatsanwältin. So was verengt die Blickweise. Sie erzählte mir, welche Verbrechen und Verbrecher hinter dieser Lieferung stecken könnten. Als ich schüchtern einwandte, es könne sich doch auch um ein Geschenk handeln, wurde sie regelrecht wütend und nannte mich einen naiven Träumer. Als ob man heutzutage etwas geschenkt bekomme. Und wenn ja, von wem? Das wusste ich auch nicht. Ich kannte niemanden, dem ich zugetraut hätte, mir solche ein wahrscheinlich nicht billiges Ölgemälde zu schenken. Irmgard riet mir, mich an die Galerie zu wenden.
Unter der angegebenen Telefonnummer meldete sich niemand, das Internet kannte eine solche Galerie nicht. Gut, vielleicht eine Neueröffnung oder mehr ein Hinterhofbetrieb für Eingeweihte. Ich beschloss, nach Bonn in die Dorotheenstrasse zu fahren, war ja nicht weit. Das würde mich und Irmgard beruhigen. Hausnummer 45, ein typisches, nicht besonders gepflegtes Haus, das man mit etwas gutem Willen für Jugendstil halten konnte. Dort wohnten M. Ocaktan, D. Hochkirchen und S. Siri. Von einer Galerie keine Spur.
Zu Hause hängte ich ein paar Bilder ab, um Platz für meine Neuerwerbung zu schaffen. Das Foto, das ich 1972 in St. Girons-Plage gemacht hatte, musste daran glauben, und der recht erotische Rückenakt von meiner ersten Freundin, der zum Missfallen ihrer Nachfolgerinnen immer an der gleichen Stelle geblieben war, ebenso. Dann hängte ich das große Bild auf, mitten auf die Wand. War gar nicht so einfach, aber hat sich gelohnt. Unglaublich, wie dieses blaue Bild mein Wohnzimmer verändert. Ich machte mir noch einen Kaffee, setzte mich in den Sessel und verlor mich in den blau-schwarzen Tiefen des Gemäldes.
Solle Irmgard doch sagen, was sie will. Naiver Träumer? Wieso? Ich habe ein Bild geschenkt bekommen. Soll keiner sagen, so etwas gäbe es nicht. Da, vor mir an der Wand, hängt es. Ist das nicht Beweis genug?
© Martin Haeusler, 2012.
*Folgegeschichte
Zwei Tage später hatte mein zurzeitige Freundin Geburtstag. Sie liebe es, sich feiern zu lassen, und so bot ich ihr zusätzlich zu einem Geburtstagsgeschenk, das zu finden mir fast den letzten Nerv geraubt hatte, noch meine geheiligte Wohnung als Ort der Party an.
Da kamen sie nun alle, echte und gewollte, bemühte und lässige Kunstszene. “Arty Farty” war der Kommentar meines Kumpels beim Anstoßen.
“Sag mal, hast du im Lotto gewonnen?”, fragte er auf das blaue Bild starrend.
“Wie kommst du denn darauf?”
“Ist das nicht Ives Klein?”
“Was?”
“Na, tuss nicht mädchenhaft herum, so unter Freunden, das blaue Bild da, ist das kein Ives Klein – ich denke mir eine gute Reproduktion. Diese blaue, strukturierte Fläche, ganz typisch.”
“Quatsch, das ist von Frau Blau!”
“Wer soll denn das sein?”
“Keine Ahnung, mir wurde das Bild, ähm, nee, halbanonym sozusagen, geschenkt, eben von einer dark Lady namens Frau Blau.”
“Du spinnst, hast schon zu viel gekifft? Komm, lass uns einen Rollen, ich hab heute zur Feier deiner Freundin Besseres dabei, nicht dieses 08/15 Skunk.”
“Der blaue Dunst zum blauen Bild? Ich bin dabei. Aber glaub es mir, erstens hat mein Gras meine Freundin weggeraucht und zweitens weiß ich nicht, wer Frau Blau ist – aber nicht ein Pseudonym für Ives Klein.”
“Wer weiß, wer weiß.”
Als der Joint rauchte, war das Bild immer noch blau und Frau Blau war unterdessen zur Lebensgefährtin von Ives Klein geworden, die nach deren Trennung eins seiner Bilder entwendete und mit einem anderen Blau das von Ives Klein patentierte Ives Klein Blue International überpinselt hatte.
“Nein, wir spinnen. Aber echt gut das Bild, findest du nicht auch?”
Da tauchte meine Freundin plötzlich auf, die wie der Spürhund riecht, wo Gutes geraucht wird. Sie nimmt den Joint, zieht tief ein und so erotisch, wie ich es liebe, bläst sie langsam den Rauch durch die Nase aus. Goethe, erinnere ich mich, war davon überzeugt, dass eine Frau sexuell ansprechbar ist, wenn ihre Nasenlöcher geweitet sind. Ob Gäste im oberen Schlafzimmer sind?
“Guter Stoff, passt bestens zum Champagner, danke!”
Sie zieht mich am Ärmel, wendet sich an meinen Kumpel “sorry, dass ich deinen Freund entführe, aber ich wollte ihm eben Frau Blau vorstellen, eine neuer Stern am Künstlerhimmel, von Galeristen schon umschwärmt.”
© Klausbernd Vollmar, 2012.
“The dark side of Blue” – Szintilla
Wie lange ich geschlafen habe, dachte er. Gestern war er früh ins Bett gegangen, der Tag war anstrengend gewesen. Wie so oft hatte er in der Zentrale seiner Firma nicht pünktlich Dienstschluss machen können. Fast zwei Überstunden, danach schnell etwas essen, mit der Straßenbahn ins Hotel, noch einmal die Emails checken und schon war er aufs Bett gesunken. Wie spät mag es gewesen sein? Vielleicht kurz nach zehn Uhr. Und jetzt stand die Sonne schon hoch über dem Mainufer, das er vom Bett aus sehen konnte. Wegen dieses Blicks auf den Main nahm er immer, wenn er in der Zentrale zu tun hatte, dieses Zimmer im Hotel “Duval”, obwohl das “Duval” eigentlich ein ziemlich alter Kasten war. Er tastete nach seiner Uhr, die nicht auf dem Nachttisch lag, und fand sein Handy. Viertel nach zehn! Zwölf Stunden hatte er geschlafen. Schöne Stunden. Er konnte sich an nichts erinnern außer daran, das ihm im Traum etwas Schönes, Leichtes widerfahren sein musste, ein Gefühl, das ihm noch jetzt den Blick auf die grünen Mainwiesen und die dicken Quellwolken vor seinem Fenster versüßte.
Er rief seine Emails ab. Nichts von Bedeutung. Dann machte er – noch im Bett liegend – ein paar Handy-Fotos aus dem Fenster, um diesen Moment frühlingshafter Leichtigkeit festzuhalten. Die Bilder befriedigten ihn nicht. Mit den hohen Lichtkontrasten, stellte er beim Durchblättern fest, war seine Handy-Kamera überfordert. Als er die Aufnahmen wieder gelöscht hatte, fiel ihm auf, dass noch neun Fotos im Speicher waren, alle recht dunkel, ziemlich blau, unscharf. Bei einigen waren seltsame krakelige gelbe Linien zu sehen, vielleicht Lichtspuren, wie sie bei langen Belichtungszeiten entstehen. Eine Straße, ein Baum, nachtblauer Himmel, keine Menschen. Sollte er diese Bilder irgendwann gemacht und dann vergessen haben? Er ließ sich das Aufnahmedatum anzeigen. Die Aufnahmen, da gab es keine Ausnahme, waren in dieser Nacht entstanden, in einem Zeitraum von kaum einer Stunde. Hatte er vor dem Einschlafen noch etwas fotografiert? Unmöglich, in Frankfurt und Umgebung lag jetzt im April längst kein Schnee mehr.
Unter der Dusche versuchte er, sich an die Landschaft auf den Bildern zu erinnern. Norddeutschland vielleicht, aber selbst da war längst der Frühling eingezogen – mal ganz abgesehen davon, dass er die letzten 14 Stunden im Hotel “Duval” verbracht hatte und nicht auf Reisen. Als er den Schaum an sich herunterlaufen sah, tauchte plötzlich ein Erinnerungsfetzen auf. Autofahrt durch Lettland, tauender Schnee, faszinierendes Nachtlicht, wohliges Schweben im Fast-Dunkel, eine unbekannte Begleiterin, Mit-Schweberin. Genau, das habe ich geträumt, sagte er sich. Dass es unmöglich war, Szenen aus dem Traumleben auf sein Handy zu beamen, war ihm allerdings auch klar.
Er musste sich beeilen. Sein Termin war zwar erst kurz vor Mittag, aber er sollte heute vor der Regionalleitung den Stand seines Projekts referieren und wusste, dass er das nicht schaffen würde, ohne sich ganz auf diese Aufgabe zu konzentrieren. Doch so einfach war das nicht. In der Bahn erwischte er sich dabei, wie er mit einer Mischung aus Begeisterung und Verstörung die Handy-Fotos anschaute und dem warmen Gefühl beim Schweben über der tauende Schneedecke nachspürte. Er rief sich zur Ordnung und löschte die Bilder, entschlossen, den Vorfall zu vergessen.
Kurze Zeit später setzte sich eine Frau neben ihn. Er spürte ihre Wärme und hätte sich fast gegen sie gelehnt, weshalb er sicherheitshalber ein Stückchen von ihr wegrückte. Die Frau nahm ihr Netbook und schaute sich Fotos an. Aus den Augenwinkeln sah er, dass es sich um Aufnahmen handelte, die denen, der er soeben gelöscht hatte, erstaunlich glichen. Er drehte sich etwas herum, um die Fotos besser sehen zu können. Tatsächlich, das hätten seine Bilder sein können. Das gleiche Blau, die gleiche Nacht, der gleiche tauende Schnee. “Schön, nicht wahr?”, sagte die Frau und lächelte ihn an, “ja, so schön ist Lettland! Waren Sie schon mal in der Gegend?”
Er stand auf und verließ die Straßenbahn, ohne sich noch einmal umzusehen.
© Martin Haeusler, 2012
*Folgegeschichte
Er war von Finnland aus mit dem Schiff nach Lettland gefahren. Nachts stand er an der Reling, allein. Er starrte auf das Eis vor der Küste, das der Eisbrecher mit einem Getöse, Krachen und Quietschen zerbrach, in blauen Eisbrei verwandelte. Haushoch oder höher noch spitzten Wasserfontänen und ab zu betätigte einer der russischen Offiziere kurz den Suchscheinwerfer, der gelbe Lichtblitze ins Blaue sandte. Und dann kam ein Frau, erinnerte er sich, als er der Hauptstraße verließ und auf sein Handy schaute, das ihn den Weg bis zu seinem Sitzungsraum weisen wollte. Jetzt erinnerte er sich genauer, die Frau hatte eine Kamera dabei – oder war das von seinem gestressten Unbewussten hinzugefügt?
Noch als er wohlwollend nichtssagend in dieser Sondersitzung angekündigt wurde, er seine dunkelblaue Krawatte, die mit den gelben Streifen, zurechtrückte, was gar nicht nötig gewesen wäre, dachte er an diese Frau, die als Bild besaß, was er gesehen hatte. Hätte er mit ihr sprechen sollen? Wuste sie gar, um seine Verfehlungen, naja, nennen wir es lieber “Unkorrektheiten”, zu denen er sich am nächsten Tag gezwungen fühlte. Wirklich gezwungen? Ein profitabler Zwang, in der Tat, war es gewesen, wenn auch einige darunter zu leiden hatten. Aber was soll`s, Geschäft ist Geschäft, beruhigte er sich. Aber was sollten diese Gedanken jetzt, wo er sich auf sein Referat konzentrieren musste, dass er mit routinierte Geste aus seiner Tasche zog und auf das Pult legte. Den Anfang würde frei sprechen, das wirkt persönlicher, wusste er aus Erfahrung, erst beim Faktenteil brauchte er das Manuskript, das aber zur Sicherheit groß geschrieben vor ihm lag.
Nach einer konventionellen Bla-Bla-Lob-Lob-Einleitung, über die er noch im Hotel gebrütet hatte, sollte er nun langsam zu den Fakten kommen. Es war ihm nicht entgangen, dass einige seiner Hörer auf ihre Uhr schauten, mancher gar an seinem Handy spielte. Er blickte auf sein Script, wann er das Zeichen geben musste für die erste Folie. Er schaute nochmal und noch einmal … auf den Seiten waren diese Bilder ausgedruckt, die er gesehen, die diese Geheimnisvolle auf ihrem Netbook abgespeichert hatte.
Zitternd trank er einen Schluck, das konnte doch nicht wahr sein! Er stierte auf sein Blatt und ihm schien, dass sich diese Bilder in Kunst verwandelten, Kunst, die er unrechtmäßig erworben hatte und diese Nacht mit der attraktiven Hehlerin. Nein! Er riss sich zusammen.
Da erhob sich eine Frau aus dem Auditorium: “Könnten Sie bitte, über Ihre Aktivitäten in Lettland berichten? Ich glaube einige meiner Kollegen und Kollginnen sind daran sehr interessiert?” Dass sie noch nach dem Fortschritt seines Projektes fragte, hörte er nicht mehr, er bekam auch nicht den jungen Notarzt mit, dessen erster Fall eines Herzinfarktes er war.
© Klausbernd Vollmar, 2012
“The dark side of Blue” - Martin Haeusler
In letzter Zeit mache ich öfters längere Spaziergänge durch die Stadt, schieße hier und da ein paar Fotos, von denen ich die gelungenen an Google Earth weiterleite, den Rest lösche ich, damit meine Festplatte nicht überquillt. Anfangs habe ich das Stadtzentrum durchstreift, aber das habe ich über, jetzt habe ich mich auf die Vorstädte verlegt. So stieg ich kürzlich eine lange Treppe hinauf in ein Viertel, in dem ich lange nicht gewesen war.
Ob angekommen traf ich auf eine kleine Grünanlage. Leicht bewölkt, Blende 16 bei 1/250 sec. – ideal für einige Aufnahmen. Ich ging etwas zwischen den Sträuchern herum, um die gepflasterte Straße mit der alten gelben Mauer besser aufs Bild zu bekommen, da fiel mir ein blauer Kasten auf. Nicht mehr neu, schon ein bisschen heruntergekommen, ein paar Graffiti-Spuren. Keine Aufschrift, nichts. Summte das Ding? Ich legte mein Ohr an das kühle Metall.
“He, was machen Sie denn da?”
Hinter mir stand ein älterer, recht korrekt gekleideter Mann.
“Ich wundere mich nur über diesen blauen Kasten. Wissen Sie, wozu der gut ist?”
“Der steht schon seit fast 20 Jahren hier herum”, sagte der Mann.
“Wohnen Sie schon so lange hier?”
“Doppelt so lange. Der Kasten war plötzlich da. Das mag sich jetzt komisch anhören, aber so war es, niemand hat mitbekommen, wer das Ding aufgestellt hat.”
“Ein Geheimdienst? Aliens?” fragte ich in einem möglichst neutralen Ton.
Der Mann schaute mich erbost an. “Papperlapapp. Für was halten Sie mich. Ich bin kein Spinner, ich bin ein Mann der Wissenschaft. Ich habe Landwirtschaft studiert und bis zu meiner Pensionierung vor knapp zwei Jahren als Landwirtschaftlehrer gearbeitet. Spezialgebiet Pflanzenchemie. Was glauben Sie, wie viel Aberglauben ich meinen Schülern austreiben musste. Wer Aussaattage erforschen oder Mist in Kuhhörner abfüllen will, der ist hier fehl am Platze, habe ich immer gesagt, in meinem Unterricht zählt nur eins, die pure Wissenschaft. Nein, wirklich, Wissenschaft, Wissenschaft, Wissenschaft, das war und ist meine Maxime.”
“Und der Kasten? Ein Kasten, der plötzlich auftaucht und niemand zu gehören scheint, das ist doch ein Rätsel, eine Herausforderung für jeden Wissenschaftler. Haben Sie den Kasten nicht einmal genauer untersucht?”
“Sie können sich denken, dass ich ihn genauestens untersucht habe. Alle Messgeräte, die ich habe, vom einfachen Voltmeter bis zum Profi-Niederfrequenz-Analyser, alles habe ich ausprobiert. Leider ohne Ergebnis. Das wurmt mich schon seit Jahren. Wenn Sie sich so dafür interessieren, kann ich Ihnen vielleicht etwas anvertrauen: Ich spüre, dass von dem Kasten etwas ausgeht, kann aber nichts messen. Und zu allem Überfluss ist dieses Etwas, das von der blauen Kiste ausgeht, auch nicht konstant. Manchmal versiegt die Quelle ganz, ein andermal ist sie ungewöhnlich stark, ohne dass ich dahinter ein Muster erkennen könnte. Es ist einfach nicht zu fassen.”
Er sah betrübt aus. Ich entschloss mich zu einem neuen Vorstoß.
“Und im Moment? Sendet die Quelle im Moment?”
“Recht schwach, Sie können wahrscheinlich nichts wahrnehmen, ich schon. Ich bin etwas sensibler als die meisten Menschen, wissen Sie. Nehmen Sie beispielsweise Handystrahlen. Wenn der Nachbar mit seinem Handy telefoniert, dann spüre ich das durch die dicken Wände hindurch. Wie Leute so ein Ding den ganzen Tag eingeschaltet mit sich herum tragen können, ist mir schleierhaft.”
Ich überlegte, ob er wohl auch mein Handy spüren könnte, das ich wie immer in meiner Phototasche hatte, hielt mich aber lieber zurück.
“Aber wie halten Sie es denn dann in der Nähe dieser Strahlungsquelle aus?” fragte ich statt dessen.
“Sehr gut, bestens!”
Ich muss so erstaunt geguckt haben, dass er hinzufügte:
“Klar, das können Sie ja nicht wissen, bei unserer blauen Quelle hier handelt sich um eine positive Quelle, ich nenne sie für mich manchmal unsere Gute-Laune-Quelle. Nur für mich, verstehen Sie, vom Standpunkt der Wissenschaft aus gesehen ist eine solche Bezeichnung zum gegenwärtigen Zeitpunkt natürlich völlig unangemessen.”
“Aber andere Leute können den Effekt spüren? Was sagen denn ihre Nachbarn?”
“Sehen Sie, das ist ein guter Punkt, den Sie da ansprechen, ein Indiz dafür, dass meine Beobachtungen stimmen, nur ein Indiz, aber immerhin. Seitdem der Kasten da steht, nimmt das Viertel rund um diese kleine Grünanlage einen unglaublichen Aufschwung. Alles wird immer ordentlicher, auf Drängen der Anwohner sind die Gehwege mit grauen Granitwürfeln neu gepflastert worden, die Hauspreise steigen und steigen. Für mein Reihenhaus da drüben könnte ich heutzutage 1 Million erzielen. Das glauben Sie nicht? Doch, dieses Haus da neben der Esche, gleiche Wohnfläche und gleiches Baujahr wie meines, hat vor drei Monaten für genau diesen Preis den Besitzer gewechselt. Der neue Eigentümer lässt einen überdachten Pool in den Garten bauen, das Nachbar-Haus hat schon seit zwei Jahren einen. Sie sehen, die Leute investieren. Und warum? Weil sie sich hier in der Nähe der Quelle wohl fühlen. Das liegt auf der Hand. Nur die Mauer hier. Ein Skandal! Schauen Sie mal, wie die aussieht! Selbst das Heiligenbild hängt schief! Darum kümmert sich niemand, die verfällt, der Park dahinter verwildert. Malerisch, hat letztens jemand gesagt. Malerisch! Verfall ist nicht malerisch, Verfall ist Verfall. Am Schluss sagt noch jemand, diese Farbklekse auf dem blauen Kasten wären malerisch. Wissen Sie, die Leute sind schon komisch, …”
Da ich den Eindruck hatte, er wollte von dem blauen Kasten ablenken und zu seinem Lieblingsthema wechseln, unterbrach ich ihn.
“Wissen Sie, was mich wundert?”, fragte ich. “Wenn es sich doch, wie sie sagen, um so eine Art Gute-Laune-Quelle handelt, wie passt das zu der Farbe Blau? Ist Blau nicht die Farbe der Melancholie, des Blues?”
“Ja, auch damit habe ich mich beschäftigt. Aber wissen Sie, es ist doch so. Die Leute, die solche Symbollexika schreiben, die können ja nur über das schreiben, was sie kennen. Wenn die hier wären und die Wirkung dieses Kastens spüren würden, dann würden die ganz andere Sachen schreiben, nicht wahr?”
Das leuchtete mir ein. Ich beschloss, einen letzten Versuch zu machen.
“Und was, wenn Sie den Kasten einfach aufmachen würden, wenn nötig mit Gewalt?”
“Aufbrechen?” Der Mann sah entsetzt aus. “Sind sie verrückt? Am Ende wird dabei der Mechanismus beschädigt und die Quelle versiegt. Das wollen Sie mir antun?”
Nein, das wollte ich nicht. Ich verabschiedete mich und ging über die lange Treppe wieder hinunter in die Stadt.
© Martin Haeusler, 2012.
* Die Folgegeschichte
Einst wandelte ein Gelehrter, weißhaarig und mit runder Brille, genau wie Gelehrte auszusehen haben, über das Land. Sein großes Projekt, das sich gleich einer Manie in ihm festgekrallt hatte, war ein Symbollexikon zu schreiben, aber keineswegs eines, welches aus anderen Quellen emsig zusammengetragen war, sondern eines mit neuen Bedeutungen, Bedeutungen, die als Hauch nur in der Luft lagen, wie ein Duft, den jeder wahrnimmt und doch nicht fassen kann. Bei dieser Wanderung traf der Gelehrte gemäß dem Willen des allwaltenden Schicksals auf einen Weisen, der, man glaubt es kaum, alles wusste – naja fast alles. Das Wissen käme nicht aus den Büchern, die er als Friedhof des Wissens bezeichnete, nein, es erfülle die Luft, sei überall. Unser Gelehrter bekam tellergroße Augen angesichts dieser kühnen Eröffnung., die als Martinscher Satz später, viel, viel später in den Büchern aufgenommen wurden, die heute auf dem Friedhof der verstorbenen Bücher sicher ruhen. Der Zutritt zu diesem Ort wird von einen mysteriösen blauen Kasten bewacht, der gleich der Sphinx nur jenen durchlässt, der diese feine Schwingungen wahrnimmt, die diese moderne Bundeslade aussendet. Ja, es sind geraunte Rätsel, die zu beantworten, sich spätere Generationen in Blogs und klugen Zeitschriftenartikeln bemühten. Der lange schon gestorbene Weise kicherte angesichts des Bemühens eifriger Sucher, er wusste es, dieser Kasten war nichts anderes als sein alter Briefkasten, der ständig voller Fan-Post seiner Anhänger steckte und nun einfach leer ist.
© Klausbernd Vollmar, 2012.
”The dark side of Blue” – Laura Stuttgart
“Na, wie ist es Ihnen ergangen vorige Woche?” fragte der Therapeut die junge Frau, die vor ihm in dem schwarzen Ledersessel saß und versuchte, ihre Hände ruhig zu halten. Die Finger waren bleich, ihr Gesicht angespannt. Es musste etwas vorgefallen sein, dass war ihm sofort klar.
Er stellte seinen Kräutertee vor sich hin und nahm den Notizblock zur Hand. Auf dem Tisch lag, unauffällig wie immer, der Umschlag mit der Rechnung für den vergangenen Monat. “Erzählen Sie, die Stunde gehört Ihnen”, sagte er und zog den Teebeutel aus der großen bunten Tasse, einer Weihnachtstasse, die er schon längst hätte austauschen sollen.
“Scheiße ist”, brachte sie schließlich hervor, “meine Mutter, scheiße.”
Er schrieb eifrig, überflog dabei verstohlen seine Notizen von der vorigen Sitzung, um wieder im Bilde zu sein. Dann schaute er sie an. Sie trug heute einen geringelten Pulli, 70er Jahre, oder war so etwas schon wieder modern? Dazu Ohrringe. Viel zu groß und viel zu bunt. Ob sie niemand hatte, der ihr geradeheraus sagen würde, dass ihr diese Dinger nicht stehen?
“Diese Frau ist eine Katastrophe”, sagte sie, “oh, was sind wir liberal, oh, was sind wir modern. Scheiße. Alles Scheiße. Alles dummes Gelabere. Da ist nichts hinter, verstehen Sie?”
“Was ist denn vorgefallen?”
“Ich habe mit dem Malte einen langen Abendspaziergang gemacht.” Sie ließ ihre Finger locker, ihr Gesicht entspannte sich für einen Moment. “Ach, scheiße, warum erzähle ich Ihnen das, der Malte, der ist super, darum geht es nicht. Es geht um das Bild. Unser Bild.”
Sie blickte an die Wand, lächelte ein ganz klein wenig. Was für ein Bild mochte sie vor Augen haben? Der Therapeut tat, als ob er schriebe, malte aber nur drei Fragezeichen auf das Papier, daneben ein paar Rechtecke, die Bilder darstellen sollten. Da die junge Frau nicht weitersprach, vertrieb er sich die Zeit damit, in die Rechtecke Strichmännchen zu malen, kleine kindliche Bildchen, die ihm gefielen.
“Wir haben Fotos gemacht an dem Abend, müssen sie wissen. Malte hat dann am Computer daraus eine Collage zusammengebastelt. Ein Stück Regenbogen, der Fernsehturm, viele Wolken im Abendlicht, ganz viele Wolken. Dann hat er beim Lidl ein Poster machen lassen, 70 x 100 cm, so auf Leinwand aufgezogen, wissen Sie. Und das hat er mir geschenkt.”
“Und, gefällt es Ihnen?”
“Ja, total! Aber meine Mutter, die hat nur gemeckert. Zuerst nur so hintenherum, wissen Sie. Ziemlich groß, hat sie gemeint, da würden wir nur schwer einen Platz für finden und so. Ich wollte es über meinen Schreibtisch hängen, worauf sie sagte, ob das unbedingt sein müsse, das Bild würde doch nicht zum Stil des gesamten Hauses passen, ich wüsste doch, wie sehr sie bei allen Bildern auf Qualität achten würde. Qualität, Qualität, sagte ich und zeigte auf ein Gemälde, das ich noch nie leiden konnte, woher willst du denn wissen, dass dieses Bild hier so ein Qualitätsding ist. Dann hat sie mir was von frühem Informel erzählt, vom Prinzip der Formlosigkeit, ob ich denn nicht die Spannung zwischen Auflösung der Form und neuer Formwerdung sehen könne, die in diesem Bild exemplarisch zur Geltung komme. Komm, vergiss es, habe ich gesagt, du hast hier nicht deinen Leistungskurs vor dir, Originalität, der kreative Geist der Moderne, ich kann deine Sprüche singen. Und dann habe ich sie gefragt, ob sie sich jemals überlegt hätte, ob das nicht vielleicht alles Ramsch wäre, ob sie sich nicht manchmal frage, ob diese ganzen modernen Klecksereien nicht eines Tages auf den Müll fliegen. Darauf ist sie wortlos in die Küche gegangen und hat sich eine Flasche Rotwein aufgemacht, dieses italienische Zeugs, das sie immer trinkt, darf nur bei ihrem Weinhändler gekauft werden. Ein fürchterliches Getue, kann ich Ihnen sagen.”
Sie schüttelte den Kopf. Der Therapeut hätte sich gerne nach dem Namen des Weines und des Weinhändlers erkundigt, sah aber ein, dass das jetzt nicht angeraten war.
“Hängt das Bild denn jetzt über dem Schreibtisch?” fragte er, um die Sache etwas zu beschleunigen.
“Nein, nichts. Scheiße. Sie hat so einen Aufstand gemacht, das können Sie sich gar nicht vorstellen.”
Der Therapeut konnte es sich nur zu gut vorstellen, schließlich bestand sein Beruf darin, sich dergleichen anzuhören. Er nickte aber trotzdem mitfühlend und auffordernd.
“Zuerst hat sie den Rotwein in sich hineingeschüttet. Dann hat sie angefangen mir was vorzuheulen. Ob ich wisse, was ich ihr da antue. Moderne Klecksereien gehören auf den Müll, genau das habe damals ihr Vater gesagt. Ob mir klar sei, welche Kraft es sie gekostet hätte, sich aus diesem spießigen Elternhaus zu befreien. Ob ich mich nicht an das fürchterliche Bild von einem Kriegsschiff im Sturm erinnern könnte, das bei den Großeltern gehangen hätte, eine Erinnerung an die Zeit ihres Vaters bei der Marine, das nicht kritisiert werden durfte. Ob mir klar sei, was ich da alles auf den Müll werfen wolle. Mich willst du auf den Müll werfen, ich soll auf den Müll, hat sie immer wiederholt und ist richtig hysterisch geworden. Furchtbar. Ich bin dann abgehauen und ein paar Mal um den Block gegangen. Als ich zurück kam, hat sie auf der Couch gelegen und geschlafen.”
Eine Pause entstand, die der Therapeut dazu nutzte, seine Notizen zu vervollständigen. Er trank einen Schluck Kräutertee, der schon ziemlich kalt geworden war und schaute unauffällig auf die Uhr. Er musste einen Abschluss finden. Da ihm nichts einfiel, plauderte er ein wenig von seinen eigenen Erfahrungen mit seinem Kunstlehrer, erzählte, um die Stimmung zu verbessern, eine lustige Episode und sagte dann:
“Achten sie in der kommenden Woche doch darauf, welche Gefühle die Bilder bei Ihnen auslösen, beide, das von Ihrem Freund und das, das Ihre Mutter so am Herzen liegt. Und dann berichten Sie mir nächste Woche davon.”
Er fand den Abschluss nicht unelegant. Sie stand auf, drehte sich in der Tür noch einmal herum und rief: “Was ich fühle, wenn ich die Bilder meiner Mutter denke, kann ich Ihnen jetzt schon sagen: Ich hasse diese Bilder, alle.”
© Martin Haeusler, 2012.
* Die Folgegeschichte
In der folgenden Nacht nach einem viel zu opulenten Abendessen hat sie Malte zärtlich einen Hauch nur auf seine noch ganz glatte Stirn geküsst: “Schatz, ich muss ich mich zurückziehen. Du weißt doch, dieser kräuterteeschlürfende Therapeut …” mehr brauchte sie nicht zu sagen, Malte war ja so verständnisvoll. Fast so liberal wie meine Scheiß-Mutter, fiel ihr ein, verdrängte es aber sogleich, da sie sich heute Abend gut fühlen und vielleicht später zur Nacht noch Malte verführen wollte, aber das wusste sie noch nicht. Eigentlich hing ihr auch Malte zum Hals heraus, da er sie nie richtig wollte, hatte sie das unbarmherzige Gefühl.
Sie zog sich in ihr Arbeitszimmer zurück, schüttete sich einen viel zu süßen Cherry ein und zündete zwei Kerzen an. Nein, das Licht war nun doch eher trübe als romantisch und sie wollte sich doch diese unförmigen, nein im Zustand der Neuformung sich befindenen Wolken betrachten. Sie nahm einen großen Schluck Scherry, leckte sich genüsslich ihre grellrot geschminkten Lippen. All, diesen Quatsch, den ich da denke, gucken möchte ich doch, mich in diese Bilder hineinfallen lassen. Ja, Fallenlassen, formlos werden, um zur neuen Form zu werden, die sich wieder wandelt. Auweia, was habe ich denn da gedacht, klingt nach Mami. Sie schenkte sich den Scherry nach. Wolken, Sehnsucht, Fallenlassen, das angenehme Dunkel, verrucht, ging es ihr durch den Kopf. Sah nicht der Heinrich von Ofterdingen seine Geliebte im Blau? Klar, das war in dieser blauen Blume, wovon ihr unwiderstehlicher Deutschlehrer, Herr Oberstudienrat Dr. Martin, immer schwärmte. Wer war das nochmal? Ach klar, dieser verträumte Novalis, immerhin ein Adeliger und Martin, ja das war der Schwarm aller Jungfrauen. Was bin ich doch für eine blöde Kuh, ich sollte dieses Wolkenbild betrachten, statt meiner Frustration zu frönen. Ja, diesen Martin habe ich eh nicht bekommen können, einen Lehrer anzumachen, Skandal! Nun komm doch endlich zu dem Bild zurück! Wolken so hoch oben, ja, so hoch oben, irgendwie weit weg ist alles bei mir. Aber dieses Blau, ich will in ihm versinken, es zieht, ich sinke hin. Ja, das wird meinen Kräutertherapeuten erfreuen, deutungswürdige Assoziationen, dafür gibt`s Zuwendung. Ob er auch Blau liebt, wie die meisten, die ich kenne? Ist er eigentlich verheiratet? Nee, viel zu …, ja was eigentlich, konventionell, kopfig, nee, viel zu wenig männlich, immer dieses Einfühlen, unerträglich! Der wird mich nie zu diesen Höhen bringen. Aber dieses Licht im Bild … Hat nicht dieser amerkanische Guru, athletisch und gebräunt, im Retreat davon gesprochen? Das Licht ist es, darauf kommt es an. “Jaja, der Lichtvers aus dem Koran”, meinte Malte nur, als ich ihn davon erzählte, seinen Bierkrug anstellend. War er auf diesem weißbärtigen Heiligen eifersüchtig? Aber Scheiße, ich wollte mich doch auf dieses blaue Wolkenbild konzentrieren. Ach Quatsch, ich trink noch einen Scherry und dann mach ich mich über Malte her. Gutes Bild! Aber dieses Blau so kalt – genau, so bin ich, kalt, weit weg, distanziert … aber Scheiß drauf, ich will, dass mich Malte jetzt heiß macht, er muss mich wollen. Sollte ich ihn vielleicht, so ganz harmlos nebenbei “Fifty Shades of Grey” schenken, da kann er etwas lernen. Oh nein, nachher schlägt er mich noch blau! Hm …
© Klausbernd Vollmar, 2012.
”The dark side of Blue” – allesistgut
3. September – 15. Tag
Tiefe dunkle Wolken, mittlerer Wind, 15 Grad, 5 Minuten Sonne, 13,5 mm Niederschlag.
Der vierte Tag mit diesem Wetter. Immer dunkel, regnerisch, kühl. Ohne Ofen nichts zu machen. Nur Weicheier lassen sich vom Wetter beeindrucken. Dummer Spruch. Mir reicht es. Mal wieder den Liegestuhl rausholen und auf der Terrasse sitzen. Wird schon werden, irgendwann ist das Mistwetter zu Ende.
Vormittags Holz klein gemacht und unters Schuppendach geschleppt, Mittags Bohnensuppe für zwei Tage gekocht. Nachmittags was gelesen. Immer zum Fenster rausgucken und Ausschau nach einer Wolkenlücke halten ist auch nichts. Buch war mir zu fantasymäßig, außerdem englisch, ist mir zu mühsam. Muss unbedingt dran denken, mir das nächstemal was Vernünftiges zu lesen aus Deutschland mitzubringen.
Aus Langeweile ein Stück aus dem Buch übersetzt:
“Dunkle Wolken sind aufgezogen. Die Sonne wirft einen letzten Blick auf Mutter Erde. Unser Schicksal nimmt seinen Lauf. Die Wetterpropheten haben es gesagt. Unwetter werden über uns hereinbrechen.”
“Mutter Erde”, “Schicksal”, “Wetterpropheten”, “Unwetter”, drunter tun dies nicht in solchen Romanen. Wie wär’s mit: “Eine Wolkenwand zieht durch, könnte auch ein Gewitter geben.”
Und dann: “Thor wird seinen Hammer schwingen, gewaltige Funken werden uns vom Amboss der Asen entgegengeschleudert und das Grollen und Donnern der erzürnten Götter wird die Luft erfüllen und uns in Angst und Schrecken versetzen. Die Schleusen der himmlischen Staubecken werden sich öffnen und Platzregen, Hagel und allerlei himmlischen Unrat über uns ergießen.” Da geht es aber ab. Könnte sich ein Hollywood-Regisseur nicht besser ausdenken. Da gruseln sich die gelangweilten Kinobesucher schön, wenn die Welt untergeht. So ein Weltuntergang ist kaum zu toppen. Dazu eine riesige Wunderkerze am Himmel. Technologisch waren die alten Germanengötter mächtig auf Zack, die hatten Staubecken. Habe das Wort nachgeschlagen, weil ich es nicht glauben konnte. Ein Staubecken voll mit “himmlischem Unrat”, wörtlich übersetzt “himmlischer Müll”. Diese unerzogenen Götter! Kippen ihren Müll einfach auf die Erde!
“Rettet Euch auf die Berge! Vom Blitz erschlagen zu werden ist kurzweiliger als in dreckigen Fluten gen Hel gespült zu werden.” Wieder nachgeschlagen. “Diverting” heißt kurzweilig. Vom Blitz erschlagen werden geht schneller, das spricht dafür. Im Dreckwasser zur Hölle schwimmen kann sich lange hinziehen, ein beschissenes Ende, aber bestimmt nicht langweilig, sondern kurzweilig.
Egal. Blöde Bücher lesen und übersetzen aus Langeweile. Schluss damit. Muss anders werden. Morgen ist die Stegreparatur dran, ob mit oder ohne Sonne. Nur Weicheier lassen sich vom Wetter beeindrucken.
© Martin Haeusler, 2012.
Die *Folgegeschichte:
In der Nacht hatten hässliche Trolle mit Hilfe von Thor durch ihr Getrommele die Fluten über die 9.5 Marke steigen lassen. Wasser überall, in den Marschen, wo diese blöden übermenschlichen Götter ihren schleimigen Abfall entsorgten, obwohl in den sumpfigen Löchern Grendel und seine Großmutter leben. Aber die mächtigen Wassergeister, Freunde des menschenfressenden Grendel Clans, ließen sich das keineswegs gefallen. Mit einem großem Plopp zogen sie mit der Ebbe göttlichen Unrat weit aufs Meer hinaus, hinaus zu diesem Ost-Grönlandstrom, dem alles vernichtenden Malstrom.
Das hat er in der Nacht geträumt, was ihm erst einfiel, als er am Morgen beim Zähneputzen über sein Land schaute, auf dem der blaugraue Himmel bleiern lastete. Heute musste der Steg reparierte werden, erinnerte er sich. Sollte er erst vorher bloggen, überlegte er, darauf hoffen, dass die Sonne die Wolken verbrennt? Aber war heute nicht der ideale Tag Thors Hammer zu schwingen? Er musste grinsen, jetzt hatte er sich doch glatt der Gedankenwelt dieses pseudo-germanischen Romans angenähert. Aber seinen Vorschlaghammer hatte er doch schon zuvor Thors Hammer genannt, komisch, obwohl Thors Hammer für ihn auch sexuelle Anklänge besaß. Das lag wahrscheinlich jedoch nur daran, dass seine Bestgeliebte abgefahren war und er dazu noch diesen aufgeilenden Roman von Grey abends im Bett las. Und die Trolle waren mit ihren Zauberstäben ins Meer gesprungen, ja, so kam er sich vor.
Beim Frühstück dachte er darüber nach, ob man wohl im Boot durch den Blitz erschlagen werden könnte. “Nix Thors Strafe oder Gnade!”, sagte er sich, “einfach zu viel Strom und Mensch am falschen Ort.”
Den Vorschlaghammer, die Jesusnägel, wie er lange Nägel zu nennen pflegte, Bügelsäge, Hammer und Zange, Zwingen und Schrauben packte er in seine rostige Schubkarre, wobei er stes nach oben schaute, diesen Wolken nicht so recht traute. Würden sie Sonne oder Regen bringen?
“Bloß keinen Regen!”, sagte er still vor sich hin, eine Angewoihnheit, die angenommen hatte, seitdem er alleine lebte. Wenn schon kein anderer mit ihm sprach, dann sprach er eben mit sich selbst. “Der Alleinunterhalter”, so nannte er sich nach einem Buch von Saabye Christensen, das ihn so ein Intellektueller in England in seinem Blog empfohlen hatte.
Als er die Schubkarre quietschend durch die engen efeubewachsenen Lokes schob, lichteten sich die Wolken über den Bergen des Landes. Ein Lichtstrahl fiel auf seinen Steg, an dem die nächtliche Flut zerstörend genagt hatte. Er dachte über dieses pseudo-germanische Buch nach, die alten Germanen, wirklich keine Weicheier, ja, wie die Engländer fiel ihm ein. Die gehen doch bei wolkigem Himmel, Wind und Sprühregen in T-Shirt und Röckchen oder kurzen Höschen, die ihre Tattoos freilich fein zur Geltung bringen. Er erinnerte sich, wie er vorgestern ein Paar quasi nackt am Strand hat fummeln sehen. Nein, er hält sich keineswegs für einen Voyeur wie dieser bebrillte weißhaarige Buchhändler im Dorf, er wollte nur nachschauen, ob die “goospimpels” hatten, ach ja, Gändehaut nennen es die Deutschen. Aber nichts, gar nichts!
Wieder verdunkelten tief hereinziehende Wolken von der See das kleine Dorf am Meer. Aber was soll`s, als er den schweren Hammer schwang, wurde selbst ihm so warm, dass er sich sein sweat shirt vom Leibe riss und die kühlende Feuchte der Luft seine Haut liebkoste. Die Klarheit der Kälte ließ ihn zuschlagen, die Pfähle in den feuchten Schlick treibend, der jetzt von einem Lichtstrahl aus einer Wolkenlücke gnadenlos glitzernd beleuchtet wurde.
© Klausbernd Vollmar, 2012
“The dark side of Blue” – einfachtilda
Endlich haben wir neue Stühle gefunden. Stühle, die uns gemäß sind.
Nicht dass unsere alten Esstisch-Stühle uns nicht mehr gefallen würden. Gutes Design, also echte Design Originale von erstklassigen Entwerfern, das sagen wir immer wieder, so etwas altert nicht. Wie oft haben wir mit Freunden um den runden Tisch herumgesessen! Und niemand hat sich je beschwert, der “Wishbone Chair” von Hans J. Wegner ist einfach ein genialer Entwurf, beste dänische Tradition, gefertigt aus heller dänischer Eiche. Ein schöner Stuhl, da lasse wir nichts drauf kommen. Nur der Bastbezug, der hat in den letzten 28 Jahren doch etwas gelitten, der war nicht mehr so recht präsentabel.
Ich hätte den “Wishbone Chair” ja gerne gegen einen Freischwinger eingetauscht. Gebogener Stahl, schwarzes Leder. Natürlich das Original von Mart Stam, S22, der Bauhaus-Klassiker. Wunderbar, dass diese Stühle bei Thonet noch erhältlich sind. Schon in meiner Kindheit habe ich auf solchen Stühlen gesessen. Nicht bei meinen Eltern, die bevorzugten WK-Möbel, Deutsche Werkstätten für Wohnkunst , auch nicht schlecht, aber mir als Kind hatten es diese Freischwinger angetan, die im Wartezimmer unseres Hausarztes standen, des guten alten Dr. Peters.
Meine Frau war gegen den S22. Zu oft nachgebaut, meinte sie, hat man sich übergesehen.
Dann haben wir den Lambert-Katalog durchgeblättert. Gut, darin ist zwar manches recht mainstream-mäßig, aber ab und an finden wir dort doch etwas, das zu uns passt. Leider keine Stühle. Der Titus in Eiche natur, der hätte uns schon gefallen, so auf den ersten Blick. Aber wir schauen halt genau hin. Und, siehe da, eine Kopie. Im Katalog steht natürlich nichts davon, aber ich hatte sofort einen Verdacht. Eine Kopie eines Art-Deco-Entwurfes, handwerklich perfekt, das muss man sagen, aber doch eine Kopie. Retro-Design können wir nicht ausstehen. Basta. Voraus-Schreiten muss man in der Auswahl seiner Möbel, Avantgarde sein, die Vorhut, sagen wir immer.
Nach langem Suchen hätten wir uns dann fast für die Nr. 675 von Robin Day entschieden. Ein etwas sperriger Entwurf, helles Walnussholz, dazu Stahl und weißes Leder, keine einfache Kombination, aber Robin Day hat das perfekt gelöst. Die Stühle haben wir bei unserem Händler für Vintage-Möbel gesehen, Original-Zustand, wie neu, da gab es nichts auszusetzen.
Wir haben nur noch gezögert, weil dieser Stuhl jetzt auch in Lizenz gefertigt wird. So etwas stört uns. Man kann alles etwas billiger und etwas schlechter herstellen, aber, das war und ist unser Wahlspruch, wer darauf hereinfällt, der ist selber schuld. Leider fallen viele Leute darauf herein, zu viele nach unserem Geschmack.
Welch ein Glück also, dass uns jetzt diese Stühle über den Weg gelaufen sind. Einzelanfertigungen, von einem Künstler, der mit seinen Stahlskulpturen bekannt geworden ist. Das ist es, das war uns sofort klar. Blauer Stahl, tiefblauer Stahl, schon die Farbe hat genau die Anmutung des Nicht-Gewöhnlichen, die wir so schätzen. Einfache, gerade, fast kantige Formen, schnörkellos, aber doch nicht so an die bloße Funktion gefesselt wie die klassischen Bauhaus-Entwürfe. Man sehe sich doch nur genau die Sitzfläche an, dieses Rot, das feine Muster!
Wir haben sofort 7 Stück bestellt. Am Monatsende werden sie geliefert. Dann muss unser Allround-Handwerker noch besonders starke Filzgleiter unter die Stahlfüße machen, damit unser Birkenholz-Parkett nicht beschädigt wird, und dann werden die Stühle eingeweiht.
© Martin Haeusler, 2012.
Vorweg muss ich es gestehen: Ich bin ein Bauhaus-Fan. Siri, meine kluge Gehilfin, meint despektierlich, mein Kunstverstand sei beim Bauhaus stehen geblieben. Mag sein, aber ist etwas dagegen zu sagen? Wohnt nicht der Funktionalität eine schöne Klarheit inne? Wer spricht hier von der Fessel der Funktionalität? Falsche Metapher! Funktionalität befreit die Schönheit zum praktischen Nutzen hin, entsorgt das Zuviel und das Unnotwendige. Ach, ich könnte geradezu im Wertther`schen Ausmaße mich in Schwärmereien verlieren – aber keine Angst, das tue ich ihnen nicht an.
Aber ich pilgerte nach Dessau und Weimar, die “originalen” Originale zu betrachten, saß dort auf dem echten S22 und fühlte mich einfach wohl. Edle, schnörkellose Größe, ohne wuchtig und aufdringlich zu sein, und ein Sitzgefühl, ja, dieses schwingende Sitzgefühl, es erinnerte mich ans Stuhlkippeln in der Schule, wenn`s langweilig wurde, jedoch ohne die Gefahr, böse nach hinten zu fallen und dazu nach eine Strafarbeit aufgebrummt zu bekommen.
Haben Sie schon auf solchen Stuhl, diesen legendären S22, gesessen?
Das alles konnte ich meinem Freund nicht sagen, der mich stolz wie ein Spanier mit ein paar anderen einlud, seine neuen Stühle bei einer Drinks-Party zu bewundern. Klar doch, beim Martin haben wir Asketisches vermutet. Ich geb`s zu, ich hatte mit Dina auf den S22 gewettet und vielleicht konnte ich mich deswegen nicht auf die anderen Stühle einstellen. Okay, es mag eine Starrheit des Alters sein, dass Vorstellungen zur Verfestigung neigen. Mein zweite Gehilfin, die lebenskluge Selma grinst über solche “Altersallüren”, wie diese meine Überzeugungen frech nennt.
Also bei dieser Drinks-Party standen wir wie üblich im geräumigen Wohnzimmer und der gemütlichen Küche herum. Wir plauderten Unverbindliches, nippten an unseren eiskalten Drinks, hielten nach Bekannten Ausschau. Ja, ich geb`s zu, mit Fremden weiß ich nie so recht, was ich bei solchen Partys reden soll. Mir fällt einfach nichts ein, für dessen Banalität ich mich nicht schämen würde. So gönnte ich mir zum Aufwärmen einen steifen Gin & Tonic und erfreute mich an dem beschlagenen Glas, das Genuss versprach, da rief plötzlich ein Kind, das ich vorher gar nicht gesehen hatte, ja, das mit Pippi-Langstrumpf-Ringelstrümpfen plötzlich unter uns stand:
“Auf den Stühlen kann keiner sitzen!”
Betretendes Schweigen …
Jedem wurde blitzhaft klar, dass wirklich keiner saß. Selbst die Älteren standen, wenn auch etwas vornüber gebeugt, Frau Blau prustete in ihr Sektglas, dass es nur so perlte, und Dina hielt sich das Taschentuch vorm Mund gepresst, um einen Lachanfall vergeblich zurückzudrängen. Szintilla, die mit Per Magnus gerade eingetroffen war, schaute sich erst stirnrunzelnd in der Runde um und fragte dann freundlich:
“Warum denn nicht, mein Kind?”
“Na, das weiß doch jeder, schöne Stühle müssen rosa sein, zu den Schleifchen in meinem Haar passen.”
© Klausbernd Vollmar, 2012
The dark Side of Blue - Euredurchlaucht
Die Sonne wird auf dem Eis funkeln, weiße Spitzen auf die grün-blauen Brocken zaubern. Aber es wird nicht die Sonne sein, die ihr kennt. Es wird nicht das Glitzern sein, das ihr kennt und es wird sich nicht der blaue Himmel darüber wölben, den ihr kennt. Ein kaltes Licht wird die Sonne werfen, ein fahles Licht. Im Winter wird das Sonnenlicht kaum stärker scheinen als heute das Mondlicht. Auch im Sommer wird die Sonne nur ein Abglanz der Sonne sein, die ihr kennt. Unten im Tal, wo jetzt die Äpfel reifen und die wohlschmeckenden Trauben gedeihen, werden sich nur noch Pflanzen halten können, die ihr jetzt auf den Höhen der Berge findet. Kleine, unscheinbare Blumen werden ihre Blüten zum Licht hin recken. Meist vergeblich. Denn oft wird das Licht nicht ausreichen, oft werden ungeheure Massen an dunklen Wolken über den Himmel ziehen. Immer neue Wolken, Tag um Tag, immer dichter, immer schwärzer. Und wenn die Wolkenwände einmal vom Südwind hinweggeweht werden, wird euch der Anblick der fernen Bergketten über dem dick vereisten See nicht erfreuen können. Denn durch die klare Eis-Luft werdet ihr sehen, wie nah die Gletscher schon an euch herangerückt sein werden. Langsam, unerbittlich werden sie in die Täler hinab gleiten. Nachts wird euch das tiefgründige Rumpeln der Gletscher, das Krachen berstenden Eises aus dem Schlaf aufschrecken. Eines Tages wird dieses Rumpeln und Krachen aufhören. Ihr werdet Hoffnung schöpfen, hoffen, Konstanz oder Radolfzell könnten überleben am Rande der Eismassen, so wie jetzt Longyearbyen am Rande der hunderte Meter dicken Gletscher Spitzbergens überlebt.
Doch lange wird sie nicht andauern, diese Pause. Denkt daran: Diese Pause wird eure letzte Chance sein, bevor das große Eis seine angestammten Gebiete zurückerobern wird. Wenn die letzte Frist vorbei sein wird, dann werden unendliche Schneemassen fallen und die Gletscher werden den ganzen Bodensee bedecken, alles zermalmen, was sich ihnen in den Weg stellt. Mir klingt schon jetzt in den Ohren, wie sie jubeln werden, wenn sie die Täler und Senken wieder besetzen werden, die sie einst in Fels und Gestein gepflügt haben. Wer ein Ohr dafür hat, der wird es hören können, wie das Eis jauchzen wird, wenn es endlich wieder alles unter sich bedecken kann.
Erst dann, wenn das Werk vollendet sein wird, wird die Sonne langsam wieder ihre alte Kraft gewinnen, der Himmel sein volles Blau. Und wenn es dann noch jemand geben sollte, der ein Flugzeug steuern kann, dann wird er über eine unendlich weiße im Sonnenlicht funkelnde Eisfläche fliegen.
© Martin Haeusler, 2012.
Diese ihm unbegreifliche Schönheit wird seine Sicht und so auch seinen Geist läutern. Er wird befreit in das hinwachsen, wozu er bestimmt ist, nämlich der Übermensch zu sein, die Krone der nun wieder jungfräulichen Schöpfung.
Martin hielt erstaunt inne, was hatte er denn da für ein wirres Zeugs geträumt. Klar, seine Bettdecke war heruntergerutscht, deswegen diese Kälte und vielleicht war ein Flugzeug gerade über das Hotel geflogen. Aber, nein, es war noch etwas ganz anderes. Gestern, erinnerte er sich aus dem Nebel des Schlafes halberwacht, hatte er lange unter dem funzeligen Licht der Nachttischlampe über diese Thule-Gesellschaft gelesen. Welch verrückte Idee, dass aus dem Erdinneren am Pol die Herrenrasse mit ihren Raumschiffen sich die Erde zurückerobern würde. Er versuchte sich vorzustellen, wie es sich in der Erde wohl lebte, dort unter dem eisigen Pol. Er wusste, wie verrückt es war, dennoch zog es ihm unweigerlich zum Fenster seines Hotels hin. Nein, natürlich lag der Bodensee zumindest hier in Meersburg friedlich plätschern wie immer da und das Eis, ja, das Eis winkte von den Schweizer Alpen, weit, weit weg und hoch entrückt. Dennoch das Eis hatte ihn schon immer angezogen, das musste er zugeben. Der schönste Tod – soweit man von schön in diesem Zusammenhang reden kann – ist jener des Erfrierens. In den Jahren der Erstdurchfahrt der Nordost-Passage baten die Seeleute ihren Kommandanten Nodenskjöld sie an Bord nachts festzuketten, erinnerte er sich. Ja, da war er wieder, dieser zwingende Zug des Eises. In der Polarnacht hat es Seeleute wie berauscht aufs Eis gezogen, um dort selig zu erfrieren. Mit dem sich ausdünnenden Gedanken „was ist das für eine Kraft?“ entschlummerte er, nachdem er sich wie ein Rollmops in sein Oberbett eingedreht hatte.
Am nächsten Morgen weckte ihn ein kaltes Licht, eigenartig fahl schien es ihm, fast wie Mondlicht. Es hatte stark geschneit und der See lag schwarz in einer weißen Landschaft.
© Klausbernd Vollmar, 2012
The dark Side of Blue - Ocean Phoenix
Ich habe die Stelle gefunden. Die Gummimanschette an der Antriebswelle links ist undicht, etwas Öl tropft auf den Vorschalldämpfer und verdampft. Deshalb also stinkt es in unserem Wagen seit vorgestern so unerträglich.
Jetzt könnte ich wieder unter dem Wagen hervorkrabbeln, aber warum? Das Gras ist weich, ich liege gut, über mir die Sonne. Eigentlich recht gemütlich hier. So muss sich ein Hund in seiner Hundehütte fühlen. Wir haben keinen Hund. Meine Frau ist dagegen. Ich auch. Macht zu viel Dreck, und für den Dreck bin ich zuständig.
Meine Frau ist noch im Bad, da kann ich mir Zeit lassen, der Frühstückstisch ist schon gedeckt, fehlt nur noch ihr Morgenkaffee, der gute Milchkaffee, den ich ihr immer zubereite. Zwei gehäufte Teelöffel Kaffee in die Kaffeemaschine, den Blue Mountain von W&S-Kaffee in Linsengericht, etwas besseres gibt es nicht, sagt meine Frau immer, als den Blue Mountain von der Wallenford Estate in Jamaika. Der ist nicht fair gehandelt, das verschweigen wir unseren Bekannten immer, aber unglaublich gut. Während der Kaffee durchläuft, stelle ich dann die Milchschaummaschine an, 0,2 Liter frische Milch mit 1,5% Fettgehalt reichen. Zwei Messerspitzen Zucker in die Tasse, die Tasse zu 2/3 mit dem Kaffee füllen, einen schöne Haube aus Milchschaum machen, darauf einige Schokoflocken – schon fertig.
Jetzt wird sie wahrscheinlich schon den Kaffeegeruch vermissen. Das könnte nachher problematisch werden. Ihr Morgenkaffe ist wichtig. Ein Morgenkaffee, der genau ihren Vorstellungen entspricht, der zeigt ihr, dass sie als Frau und Persönlichkeit ernst genommen wird. Ein Symbolkaffee sozusagen. Und der wird ihr jetzt fehlen. Aber etwas Zeit habe ich noch, heute haben wir nichts Besonderes vor.
Nachher wird sie zu ihrer Lieblings-Goldschmiedin fahren, das Design ihres neuen Armbandes verfeinern. Das finde ich gut, nicht nur, weil ich es ihr gönne, sondern auch, weil ich in ihrer Abwesenheit in Ruhe größere Arbeiten angehen kann, beispielsweise das Fensterputzen. Wenn ich allein bin, brauche ich nicht auf Zugluft zu achten, was aber noch wichtiger ist, dann kann ich den Fensterputz-Schaum benutzen, den ich im Keller versteckt habe, weil wir ihn eigentlich aus ökologischen Gründen ablehnen.
Aber zuerst müsste ich das Frühstücksgeschirr spülen, mit der Hand natürlich. Unsere guten Gläser und das Silberbesteck in die Spülmaschine stecken? Welche Barbarei! Personal können wir uns nicht leisten, erzähle ich immer. Das stimmt zwar nicht, denn seitdem wir dieses Haus und das Depot bei Frick & Co in Balzers geerbt haben, ist genug Geld da. Aber schon bei der Vorstellung, dass fremde Menschen in unserem Haus herumputzen und wischen, kochen und backen, schon bei der Vorstellung graust es uns.
Meine Frau braucht ja Ruhe. Sie muss den Kopf frei haben, das weiß jeder, der kreativ tätig ist. Sie ist Schriftstellerin, nicht ganz erfolglos. Voriges Jahr hat sie den 2. Preis beim Lyrikwettbewerb der Vorarlberger Landes- und Hypothekenbank gewonnen und jetzt steht ihr dritter Roman kurz vor der Fertigstellung. Die Geschichte einer Frau, die sich in der Männerwelt des Ölbusiness behauptet, sich um der Umwelt willen mit den Ölbossen anlegt und dabei Kopf und Kragen riskiert.
Meine Aufgabe ist es, ihr den Rücken frei zu halten, damit sie sich ungestört dem Schreiben widmen kann. Seitdem wir geerbt haben, brauche ich ja nicht mehr ständig zu arbeiten. Ein paar Tage im Monat als Free-Lancer in der TV-Produktion, das reicht mir, die zahlen mir mehrere 100 Euro pro Tag. Ich bin im Sportbereich tätig, der einzige Spezialist für das Ringen, den sie haben. Die Kollegen interessieren sich nicht die Bohne für Ringen, ich habe – es fällt mir schwer, es zu gestehen – einen Hang zu solchen archaischen Wettkämpfen. Und was soll’s, die Zuschauer wollen es sehen und deshalb ist jemand wie ich, der sich in den Feinheiten des griechisch-römischen Stils auskennt, einfach unentbehrlich.
Ich muss aufstehen. Es wird Zeit. Die Sonne ist zu hell geworden.
© Martin Haeusler, 2012.
Im Bad wollte sie sich entspannen, aber was bemerke ich als der allwissende Erzähler? Nix da! Sie überlegt mit steiler Mittelfalte über der Nasenwurzel, wie sie ihre viel zu junge Agentin dazu bringen kann, sich wirklich für ihren neuen Roman einzusetzen und sie endlich zu einem effektvollen Schluss zu inspirieren.
“Prima ist mein Roman geworden”, murmelt sie vor sich hin, wobei sie ihre Fingernägel gotisch feilt und versonnen betrachtet, wie der feine weiße Staub in den Schaum des heißen Badewassers fällt. Weiße Pünktchen durchstoßen die Schaumberge, einige bleiben wie Schnee darauf liegen.
Ja, dieses Ende, das liegt ihr im Magen. Sollte sie wirklich diese skurrile Hauptperson gar zur Öko-Ikone machen? Da gäbe es auch noch die bösere Variante, sie tut nur auf Öko um des Images Willen. Vielleicht sollte ich mir meinen Schatz als Modell ausgucken, er tut doch auch nur auf Öko und versteckt seine Chemie im Keller, als ob ich das wüsste. Wer schreibt, ist doch nicht blöd!
“Ist das bei mir auch so? Bin ich zu solch einer Pseudo-Öko-Tussie geworden?”, fragt sie sich und vor Schreck fällt ihre diese dusselige Feile ins Wasser. Voll blöd, mit nasser Feile lässt sich schlecht feilen. Ach, vergiss die Feile, sagt sie sich, wobei ich als der allwissende Erzähler sogleich bemerke, dass ihr diese Feile eigentlich egal ist, sie überlegt sich vielmehr, wie nah sie denn die Hauptperson nach ihrem eigenen Leben gestalten sollte. Zu nah ist zu entlarvend. Sie hört schon jetzt die Interviewer hämisch fragen: “Ist das ihre Geschichte?” “Klar, ist das meine Geschichte, ich habe sie geschrieben, aber es ist nicht mein Leben.” Oder doch?
Sie lässt heißes Wasser nachlaufen, bis es an ihren Füßen brennt. Wo bleibt denn der Kaffeeduft? Das wäre doch etwas, dieser Kaffee als rekurierendes Moment, als Moment, bei dem sich der Leser freut, dass er es wiedererkennt. Die kleinen Freuden beim Romanlesen, die sie ihren Lesern gönnen soll, wie sie in diesem Seminar für kreatives Schreiben gelernt hat.
Ich sollte jetzt aus der Wanne steigen, sonst wird meine Haut wieder so schrumpelig.
“Ach”, seufzt sie, da sie sich unbeachtet fühlt – sie weiß nichts von mir, dem Erzähler – “mein Schatz wird mir schon einige Ideen zum Frühstück servieren. Der hat es gut, er darf den Haushalt führen, während ich mich mit Plots, Handlungssträngen, Personencharakterisierungen und Spannungsbögen abmühen muss. Wie schön ist doch das meditative Abwaschen dagegen. Dabei gibt man nichts von sich preis, man stößt an keine Grenzen – vielleicht sollten wir die Rollen tauschen. Ich könnte ja eine böse Schreibhemmung anführen. Mir fällt auch gar nichts ein – ich will nur meinen Kaffee, jetzt!
© Klausbernd Vollmar, 2012.
The dark side of Blue - Håkan Rönnblad
Die Mission ist gescheitert. Haben wir geheim gehalten, es hätte sonst weitere Siedlungsprojekte gefährden können. Das Bild, das die Siedler zur Erde geschickt haben, hängt noch im Treppenhaus. Warum hätten wir es abhängen sollen? Die Besucher sind immer des Lobes voll. Ich wollte es durch ein anderes ersetzen lassen, weil es mich immer an diesen Vorfall erinnert. Ist aber abgelehnt worden. Irgendjemand hätte misstrauisch werden können. Das war der Leitung zu gefährlich, jedes Aufsehen sollte vermieden werden. Das war schon richtig so. Immerhin hat ja vielleicht keiner der Siedler überlebt. Dabei war der Planet bestens erforscht, die Expedition gut vorbereitet. So wir wir das immer machen, da wird nichts dem Zufall überlassen. Wir schicken die Leute ja nicht ins Ungewisse und sagen: Schaut mal, wie ihr zurecht kommt! Deshalb wussten wir genau, dass dort die Farben manchmal anders waren als auf der Erde, intensiver, durchdringender. Na und? Alle Testpersonen haben positiv darauf reagiert, viele regelrecht geschwärmt von den Rottönen und dem fließenden Blau. Nein, wir haben uns nichts vorzuwerfen, die Planung war einwandfrei. Zuerst haben die Siedler ja auch nur Positives berichtet, haben die Fruchtbarkeit der Erde gelobt, die angenehmen Temperaturen und so weiter. Nichts besonderes, hatten wir nicht anderes erwartet. Hellhörig werden hätten wir müssen, als einige Sonnenbrillen anforderten, fragten, ob es nicht spezielle Brillen gäbe, die die Intensität der Farben reduzieren könnten. Wir haben etwas im Labor entwickeln lassen, war aber nicht das rechte, der Effekt hat sich wohl abgenutzt. Ehrlich gesagt, wir haben gar nicht verstanden, was die Leute hatten. Wir wussten ja, dass dieses intensive Licht nur phasenweise kam, nur für ein paar Minuten manchmal, dann auch wieder mehrere Tage anhaltend. Geht vorüber wie ein Gewitter, hatten wir gedacht, wie Nordlicht oder ähnliche Phänomene, wieso sich aufregen. Die Siedler klagten über den Wechsel. Mal alles Grau, mal diese intensiven Farben, das sei schwer zu ertragen. Es gibt schlimmeres, haben wir gedacht, und ein paar Jahre lang kamen auch keine neuen Beschwerden. Der Mensch, das hatten wir ja oft beobachtet, ist erstaunlich anpassungsfähig. Auf die Dauer gewöhnt er sich an alles.
Ein erstes Alarmzeichen war das Sinken der Geburtenrate. Das ist immer so. Wenn die Geburtenrate sinkt, dann stimmt etwas nicht. Schließlich sind die Siedler vorher auf Vermehrungsfähigkeit und Vermehrungswillen getestet worden. Dann bauten sie zu unserer Überraschung einen seltsames Haus, einen Versammlungsraum, sagten sie. Hat eine Weile gedauert, bis wir herausbekommen haben, was es damit auf sich hatte. Eines der schon auf diesem Planeten geborenen Kinder hatte mit etwa 13 Jahren herausgefunden, wie man die Phasen des intensiven Lichtes abkürzen konnte. Wir haben uns die Haare gerauft, aber mehr und mehr Siedler waren davon überzeugt, dass es funktionierte: Möglichst viele mussten sich versammeln, sich auf das Licht konzentrieren, dann ein Tier schlachten und das Blut in den Fluss laufen lassen. Wie gesagt, wir haben uns die Haare gerauft, mehr kann ich dazu nicht sagen. Aber was konnten wir tun? Ein Psychologenteam hinschicken? Letztlich haben wir entschieden, die Siedler gewähren zu lassen. Es würde das Projekt nicht gefährden, haben wir gedacht. Leider.
Denn hätten wir darauf kommen können, dass die Sache eskalieren würde? Eines Tages ist uns aufgefallen, dass ab und zu Siedler recht früh gestorben sind. Auf unsere Nachfragen bekamen wir keine Antwort. Wir mussten sie erst gehörig unter Druck setzen, bis endlich einer schrieb: “Belisama braucht Opfer.” Sie können sich vorstellen, was hier los war. Aber sie ließen nicht mit sich reden. Wen die Göttin erzürnt, den bestrafe sie mit diesem unerträglichen Licht. Es hat nicht lange gedauert, da kam es zu einer Art Bürgerkrieg unter den Siedlern. Leider haben die, die an Belisama und den Opferkult geglaubt haben, gewonnen. Die Überlebenden haben sich mehr und mehr auf den Kult konzentriert, die Felder vernachlässigt, monatelang gefastet. Die Geburtenrate ist auf Null gefallen. Irgendwann haben sie die Kommunikation mit uns völlig eingestellt.
Mag sein, dass noch ein paar Überlebende auf dem Planeten vor sich hin vegetieren. Aber sollen wir deswegen eine Expedition hinschicken? Nein, man muss auch zugeben können, dass eine Mission gescheitert ist. Es gibt genug andere Planeten.
© Martin Haeusler, 2012.
Ja, das haben wir noch vor gar nicht so langer Zeit gedacht. Aber Sie werden es wahrscheinlich gehört haben, von dem Planeten 42X wurden eigenartige, wenn dieses Wort auch nicht ganz passend ist, Geschichten berichtet. In der wissenschaftliche Loge, deren Mitglieder wir zu sein die Ehre haben, wurde dem Meister berichtet, dass auch dort die Farben sich menschenfeindlich verhalten. Kurz für jene unter uns, die nicht der Gruppe der Physiker angehören: Farben schienen dort keineswegs auf Reflexion und Absorption zu beruhen. Sie verhielten weitaus mehr als Materie wie als Welle. Sehen Sie bitte das Bild von Orbiter 42X genau an, das oben auf ihrem Monitor erscheint. Die blaue Farbe ist undurchsichtig. Wir vermuten, das liegt an den Schwingungsachsen des Lichts. Da pulsieren uns noch unbekannte Teilchen innerhalb der Photonen – aber mehr, meine verehrten Herren, wissen wir auch nicht.
Die 42X-Siedler, obwohl wir auch diesen Planeten gründlich vorher untersucht hatten, wurde sogleich bei ihrer Ankunft durch Farbe und speziell durch eine nebelartige blaue Farbe bekämpft. Obwohl, Sie verzeihen, nebelartig ist nicht der treffende Ausdruck, nämlich dieser Nebel war im wahrsten Sinn des Wortes undurchdringlich. Eine Siedlerin beschrieb es so: “Ich sank in die Farbe ein wie eine Art Netz, das mich von den anderen trennte, aber mir dennoch nicht eng vorkam. Eine unbekannte Kraft zwang mich, mich dieser Farbe vollständig hinzugeben. Ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll, ich war sogleich selig dem Blau ergeben.” Unser Psychoanalyseingenieur meinte, das möge mit jenem XY-Chromosom der Weiblichkeit zu tun haben und schlug vor, jenes dort gelagerte Hingabeprogramm zu löschen. Aber, so setzte er betont hinzu, zuerst solle man versuchen, den Bericht eines männlichen Siedlers zu erhalten. Das jedoch, werthe Logenbrüder, stellte sich schwieriger heraus, als erwartet, da dieses Blau Männern augenscheinlich die Sprache verwirrte. Wir bekamen ein Signal, das unsere Kryptologen leider bis jetzt noch nicht entschlüsseln konnten. Es las sich: $” – mehr nicht! Im weiteren Verlauf des Besiedlungsversuchs bauten die Frauen sich blaue Parzellen aus, die sie erweiterten und mit rötlichen Licht von oben beleuchteten. Die Blauäugigen begannen, zaghaft erst und dann geradezu furios mit weit geöffneten Augen herumzulaufen und bald konnten die ersten von ihnen das Blau durchdringen und sich mit anderen Blauäugigen verbinden. Diese blauäugige Gruppe hielt sich Männer, die sie in eine Art blaues Spinngewebe eingehüllt hatten. So jedoch, dass die Männer ihre Extremitäten und ihr Fortpflanzungsorgan benutzen konnten. Der restliche Körper war jedoch eingesponnen und mit einer langen, dünnen Leine befestigt, die im Zentrum der Parzellen der Frauen endete.
Nun beochteten wir, dass dieses Blau sich keineswegs konstant verhielt. Mal waberte es, mal leuchtete es, mal war es dunkel, dann wieder reinstes Himmelblau. Das lief in Zyklen ab. Immer, wenn es himmelblau wurde, begannen die blauäigigen Frauen, die vereinzelten braunäugigen Siedlerinnen aus ihren blauen Zellen zu holen, um sie zu zwingen, die männlichen Siedler zu melken und sich mit ihrer Milch, wie sie es nannten, den Unterleib einreiben zu lassen. Diesse Ritual hatte jedoch das Aussterben der Braunäugigen zur Folge, wodurch sich aber die Blauäugigen auch nicht mehr fortpflanzen konnten, denn sie hatten es verlernt, was wir erst nicht glauben konnten, die Männer zu melken. Die letzte Überlebende nannte sich Frau Blau, rief sich zur Herrscherin aus und befreite alle noch übriggebliebenen Männer. Nun, meine Herren, hier endet unser Wissen über diesen blauen Planeten 42X, denn mit einem großen Feuer, dass mit dem komprimierten Rotanteil des Blau heiß entfacht wurde, verbrannten sie alle Kommunikationsgeräte und mit einem laserartigen blauen Strahl zerschmolzen sie unseren Satelliten, der gleich einem Klumpen ausgerannter Kohle im Orbit von 42X herumtaumelt.
Mein werthen Logenbrüder, es mag zwar noch einige besiedlungswürdige Planeten geben, aber zunächst müssen wir alle Anstrengungen unternehmen, planetarische Lichtverhältnisse zu studieren. Dafür benötigen wir mehr Mittel. Dafür ist es wenig hilfreich, vom Scheitern auf 42X zu berichten. Mit den überlebende Belisama-Anhängern hoffen wir demnächst über unsere intergalaktische Loge verhandeln zu können, dort sind die Kommunikationsmittel zwar abgeschaltet, aber noch intakt. Dennoch, solange wir das planetarische Lichtproblem nicht gelöst haben, nutzt uns keine weitere Mission, und lassen Sie es mich offen sagen, zu keinem Planeten. Also schlage ich vor, werthe Logenbrüder, eine Augen-Steuer zu errichten, über deren Höhe wir nachher noch in exklusiven Wirtschaftskreis beschließen können. Und zudem, dass jede Familie ihr ältestes blauäugiges Kind unserer Loge zur wissenschaftlichen Ausbildung übergibt.
Anmerkung von Siri & Selma: Wir haben es hinbekommen durch unsere Connections als Buchfeen von dieser Steuer ausgenommen zu werden – wir sind ja auch buntäugig ![]()
© Klausbernd Vollmar, 2012.



























Lieber Martin,
deine Geschichten bereiten mir große Lesefreude.
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Beste Grüße aus dem hohen Norden
Per Magnus A
Vielen Dank! Freude ist ja das Beste, was man mit Geschichten erreichen kann … LG Martin
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