The dark side of Blue – Martin Haeusler

Der vierte Beitrag in der Reihe Dunkelblau kommt von Martin, himself.🙂
Danke sehr, lieber Mätes, auch für die Martinsche Geschichten. Auf diese Geschichte sind wir besonders gespannt!

Klausbernd schreibt dazu: Freundlicher Verfall mit rumgekritzeltem Graffiti auf Blau. Die Dunkelheit eingesperrt im blauen Kasten, auf dass wir fröhlich den verwunschenen Garten hinter der Mauer betreten können – gedanklich …

28 thoughts

  1. Welcher Graffiti-Künstler war das wohl?
    Martins Graffitikunst habe ich gesehen, Glückwunsch zu deinem Kunstwerk, lieber Martin, das ist richtig toll! Dieses Bild gefällt mir gut, die Stimmung ist fein.

    Liebe Grüße
    Buchdame

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  2. In letzter Zeit mache ich öfters längere Spaziergänge durch die Stadt, schieße hier und da ein paar Fotos, von denen ich die gelungenen an Google Earth weiterleite, den Rest lösche ich, damit meine Festplatte nicht überquillt. Anfangs habe ich das Stadtzentrum durchstreift, aber das habe ich über, jetzt habe ich mich auf die Vorstädte verlegt. So stieg ich kürzlich eine lange Treppe hinauf in ein Viertel, in dem ich lange nicht gewesen war.

    Ob angekommen traf ich auf eine kleine Grünanlage. Leicht bewölkt, Blende 16 bei 1/250 sec. – ideal für einige Aufnahmen. Ich ging etwas zwischen den Sträuchern herum, um die gepflasterte Straße mit der alten gelben Mauer besser aufs Bild zu bekommen, da fiel mir ein blauer Kasten auf. Nicht mehr neu, schon ein bisschen heruntergekommen, ein paar Graffiti-Spuren. Keine Aufschrift, nichts. Summte das Ding? Ich legte mein Ohr an das kühle Metall.

    “He, was machen Sie denn da?”

    Hinter mir stand ein älterer, recht korrekt gekleideter Mann.

    “Ich wundere mich nur über diesen blauen Kasten. Wissen Sie, wozu der gut ist?”

    “Der steht schon seit fast 20 Jahren hier herum”, sagte der Mann.

    “Wohnen Sie schon so lange hier?”

    “Doppelt so lange. Der Kasten war plötzlich da. Das mag sich jetzt komisch anhören, aber so war es, niemand hat mitbekommen, wer das Ding aufgestellt hat.”

    “Ein Geheimdienst? Aliens?” fragte ich in einem möglichst neutralen Ton.

    Der Mann schaute mich erbost an. “Papperlapapp. Für was halten Sie mich. Ich bin kein Spinner, ich bin ein Mann der Wissenschaft. Ich habe Landwirtschaft studiert und bis zu meiner Pensionierung vor knapp zwei Jahren als Landwirtschaftlehrer gearbeitet. Spezialgebiet Pflanzenchemie. Was glauben Sie, wie viel Aberglauben ich meinen Schülern austreiben musste. Wer Aussaattage erforschen oder Mist in Kuhhörner abfüllen will, der ist hier fehl am Platze, habe ich immer gesagt, in meinem Unterricht zählt nur eins, die pure Wissenschaft. Nein, wirklich, Wissenschaft, Wissenschaft, Wissenschaft, das war und ist meine Maxime.”

    “Und der Kasten? Ein Kasten, der plötzlich auftaucht und niemand zu gehören scheint, das ist doch ein Rätsel, eine Herausforderung für jeden Wissenschaftler. Haben Sie den Kasten nicht einmal genauer untersucht?”

    “Sie können sich denken, dass ich ihn genauestens untersucht habe. Alle Messgeräte, die ich habe, vom einfachen Voltmeter bis zum Profi-Niederfrequenz-Analyser, alles habe ich ausprobiert. Leider ohne Ergebnis. Das wurmt mich schon seit Jahren. Wenn Sie sich so dafür interessieren, kann ich Ihnen vielleicht etwas anvertrauen: Ich spüre, dass von dem Kasten etwas ausgeht, kann aber nichts messen. Und zu allem Überfluss ist dieses Etwas, das von der blauen Kiste ausgeht, auch nicht konstant. Manchmal versiegt die Quelle ganz, ein andermal ist sie ungewöhnlich stark, ohne dass ich dahinter ein Muster erkennen könnte. Es ist einfach nicht zu fassen.”

    Er sah betrübt aus. Ich entschloss mich zu einem neuen Vorstoß.

    “Und im Moment? Sendet die Quelle im Moment?”

    “Recht schwach, Sie können wahrscheinlich nichts wahrnehmen, ich schon. Ich bin etwas sensibler als die meisten Menschen, wissen Sie. Nehmen Sie beispielsweise Handystrahlen. Wenn der Nachbar mit seinem Handy telefoniert, dann spüre ich das durch die dicken Wände hindurch. Wie Leute so ein Ding den ganzen Tag eingeschaltet mit sich herum tragen können, ist mir schleierhaft.”

    Ich überlegte, ob er wohl auch mein Handy spüren könnte, das ich wie immer in meiner Phototasche hatte, hielt mich aber lieber zurück.

    “Aber wie halten Sie es denn dann in der Nähe dieser Strahlungsquelle aus?” fragte ich statt dessen.

    “Sehr gut, bestens!”

    Ich muss so erstaunt geguckt haben, dass er hinzufügte:

    “Klar, das können Sie ja nicht wissen, bei unserer blauen Quelle hier handelt sich um eine positive Quelle, ich nenne sie für mich manchmal unsere Gute-Laune-Quelle. Nur für mich, verstehen Sie, vom Standpunkt der Wissenschaft aus gesehen ist eine solche Bezeichnung zum gegenwärtigen Zeitpunkt natürlich völlig unangemessen.”

    “Aber andere Leute können den Effekt spüren? Was sagen denn ihre Nachbarn?”

    “Sehen Sie, das ist ein guter Punkt, den Sie da ansprechen, ein Indiz dafür, dass meine Beobachtungen stimmen, nur ein Indiz, aber immerhin. Seitdem der Kasten da steht, nimmt das Viertel rund um diese kleine Grünanlage einen unglaublichen Aufschwung. Alles wird immer ordentlicher, auf Drängen der Anwohner sind die Gehwege mit grauen Granitwürfeln neu gepflastert worden, die Hauspreise steigen und steigen. Für mein Reihenhaus da drüben könnte ich heutzutage 1 Million erzielen. Das glauben Sie nicht? Doch, dieses Haus da neben der Esche, gleiche Wohnfläche und gleiches Baujahr wie meines, hat vor drei Monaten für genau diesen Preis den Besitzer gewechselt. Der neue Eigentümer lässt einen überdachten Pool in den Garten bauen, das Nachbar-Haus hat schon seit zwei Jahren einen. Sie sehen, die Leute investieren. Und warum? Weil sie sich hier in der Nähe der Quelle wohl fühlen. Das liegt auf der Hand. Nur die Mauer hier. Ein Skandal! Schauen Sie mal, wie die aussieht! Selbst das Heiligenbild hängt schief! Darum kümmert sich niemand, die verfällt, der Park dahinter verwildert. Malerisch, hat letztens jemand gesagt. Malerisch! Verfall ist nicht malerisch, Verfall ist Verfall. Am Schluss sagt noch jemand, diese Farbklekse auf dem blauen Kasten wären malerisch. Wissen Sie, die Leute sind schon komisch, …”

    Da ich den Eindruck hatte, er wollte von dem blauen Kasten ablenken und zu seinem Lieblingsthema wechseln, unterbrach ich ihn.

    “Wissen Sie, was mich wundert?”, fragte ich. “Wenn es sich doch, wie sie sagen, um so eine Art Gute-Laune-Quelle handelt, wie passt das zu der Farbe Blau? Ist Blau nicht die Farbe der Melancholie, des Blues?”

    “Ja, auch damit habe ich mich beschäftigt. Aber wissen Sie, es ist doch so. Die Leute, die solche Symbollexika schreiben, die können ja nur über das schreiben, was sie kennen. Wenn die hier wären und die Wirkung dieses Kastens spüren würden, dann würden die ganz andere Sachen schreiben, nicht wahr?”

    Das leuchtete mir ein. Ich beschloss, einen letzten Versuch zu machen.

    “Und was, wenn Sie den Kasten einfach aufmachen würden, wenn nötig mit Gewalt?”

    “Aufbrechen?” Der Mann sah entsetzt aus. “Sind sie verrückt? Am Ende wird dabei der Mechanismus beschädigt und die Quelle versiegt. Das wollen Sie mir antun?”

    Nein, das wollte ich nicht. Ich verabschiedete mich und ging über die lange Treppe wieder hinunter in die Stadt.

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    • Lieber Martin, einfach köstlich was sich da über deinem Mustopf in die Hirnwindungen und Tippfinger eingefunden hat! Ich habe herzlich gelacht… und grinse noch! Und ja, nun ist es klar, ich bin auch Fan von Dir😉 (hätte auch gestern gerne bei dir kommentiert, bin aber leider über eine etwas begriffstutzige Url gestolpert, was ich auch sagte, sie ließ sich nicht überzeugen, muss es irgendwann dann noch einmal versuchen, vielleicht sitzt dann eine etwas intelligentere Dame am Schalter…)

      herzlich grüßt dich Frau Blau, schon in voller Vorfreude auf alle Geschichten, die noch folgen werden!
      by the way… das Bild ist auch klasse

      und herzliche Grüße an Klausbernd und Dina, die all das hier ermöglichen- ich empfinde es als Freude pur!🙂

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    • … danke, danke …….. wieso die Kommentarfunktion bei mir manchmal nicht funktioniert, weiß ich auch nicht. Hanne und Klausbernd hatten auch schon Schwierigkeiten – ich kann das von hier aus nicht nachvollziehen, muss an der URL liegen, ich denke, anonym geht es immer .. einen schönen Regentag allerseits … M.

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    • ooookay, dann werde ich das mal ausprobieren… jo einmummeln ist angesagt, gut dass wir schon mal ein bißchen geerntet haben! gerade eben riecht nix, alle ätherischen Öle haben sich zurückgezogen, wat en sommer… kopfschüttel
      enjoy your day

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    • ….. wo wir sogar im warmen Rheinland heute Morgen den Kohleherd angefeuert haben – aber inzwischen bin ich beim Umräumen und Aufräumen auf dem ausgebauten Dachboden (gefühlt: ein Staubsaugerbeutel voll Staub) wieder ins Schwitzen gekommen … so ein bisschen Sonne lässt sich auch wieder blicken, bestimmt spielen die Kräuter auch schon wieder ein wenig mit, wenn es so weiter geht, muss heute noch der Rasen dran glauben, wobei es mir jedesmal leid tut, dass wir keine Kuh oder wenigstens ein Schaf haben, das wir mit dem dieses Jahr schön sprießenden Gras verwöhnen könnten, … M.

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    • Ziegen, wenn ich das mal so direkt sagen darf, sind blöde Viecher. Sie sehen schön aus, aber bei unserem – wie soll ich sagen … ? — Zweitgarten (http://www.haeusler-martin.de/sommerwetter2011/page-0027.htm) kommt es ab und an vor, dass eine ganze Ziegenherde darüber herfällt, Stacheldraht kann sie nicht abhalten. Die machen nicht nur die Steinmauer kaputt, sondern fressen so ziemlich alles, vor allem alles, was Blume heißt, auch junge Bäume lieben sie, wobei man sich wundert, bis zu welcher Höhe so eine Ziege ihr Maul recken kann, wenn Blätter und Triebe nur gut schmecken. Da ist so ein Schaf schon milder, das mäht den Rasen sanfter, als ich jetzt mit dem Elektromäher ….

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    • wir haben hier so viel reine Wiese, da könnten die Ziegen grasen solange sie wollten, kein Baum, kein Strauch weit und breit… aber du hast schon recht, sie sind Vielfraße und machen selbst vor Wäsche auf der Leine nicht halt, wie ich einmal schmerzlich an einem von mir liebevollen umstickten Tuch feststellen durfte……
      und was die Schafe anbelangt, sanft sind sie, aber scheren muss man sie…

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    • wir haben hier so viel reine Wiese, da könnten die Ziegen grasen solange sie wollten, kein Baum, kein Strauch weit und breit… aber du hast schon recht, sie sind Vielfraße und machen selbst vor Wäsche auf der Leine nicht halt, wie ich einmal schmerzlich an einem von mir liebevollen umstickten Tuch feststellen durfte……
      und was die Schafe anbelangt, sanft sind sie, aber scheren muss man sie…

      ihr habts aber schööön, ich denke ans Schweizer Jura, an Frankreich, an Norditalien… wo auch immer noch, es sieht von hier nach Urlaub aus

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    • Ha, ich habe den Blogger geknackt, was sagt ihr jetzt!
      🙂

      Anleitung für WordPress-User:
      1. Einloggen beim WordPress
      2. Kommentar schreiben und WordPress auswählen
      …jetzt kommt das Wichtigste…
      3. NUR den WordPressnamen, (für mich ist das Toffeefee) und NICHT den ganzen URL eingeben
      4. Veröffentlichen

      Fertig.
      Puuuuh…

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    • oookay… das werde ich versuchen😉
      danke für den Tipp… ist doch zu langweilig nicht kommentieren zu können!

      liebe Grüße zur guten Nacht sendet
      Frau Blau

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    • Danke vielmals für die Sterne! Die norwegischen Worte hat Google folgendermaßen übersetzt: “Ing. Helga Brüder Lappland” —- ? —- ! …. hm, hm, ich kann leider noch weniger Norwegisch als Google … Schöne Grüße in den Norden! M.

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  3. Freundlicher Verfall ist gut …🙂

    Das Foto ist außergewöhnlich und die Geschichte dazu klasse. Jetzt würde mich nur noch interessieren was das Gekritzel auf dem blauen Kasten heißt. Da er in der Geschichte nun schon mal “strahlt”, erinnert mich das Graffiti umso mehr an den schnellen Brüter THTR.

    Liebe Grüße, Szintilla

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    • Das Gekritzel auf dem blauen Kasten? Hm, keine Ahnung, da müsste man schon die Sprayer aus der Stadt fragen, in der der blaue Kasten steht – aber wo der Kasten steht, wird nicht verraten ….

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  4. Einst wandelte ein Gelehrter, weißhaarig und mit runder Brille, genau wie Gelehrte auszusehen haben, über das Land. Sein großes Projekt, das sich gleich einer Manie in ihm festgekrallt hatte, war ein Symbollexikon zu schreiben, aber keineswegs eines, welches aus anderen Quellen emsig zusammengetragen war, sondern eines mit neuen Bedeutungen, Bedeutungen, die als Hauch nur in der Luft lagen, wie ein Duft, den jeder wahrnimmt und doch nicht fassen kann. Bei dieser Wanderung traf der Gelehrte gemäß dem Willen des allwaltenden Schicksals auf einen Weisen, der, man glaubt es kaum, alles wusste – naja fast alles. Das Wissen käme nicht aus den Büchern, die er als Friedhof des Wissens bezeichnete, nein, es erfülle die Luft, sei überall. Unser Gelehrter bekam tellergroße Augen angesichts dieser kühnen Eröffnung., die als Martinscher Satz später, viel, viel später in den Büchern aufgenommen wurden, die heute auf dem Friedhof der verstorbenen Bücher sicher ruhen. Der Zutritt zu diesem Ort wird von einen mysteriösen blauen Kasten bewacht, der gleich der Sphinx nur jenen durchlässt, der diese feine Schwingungen wahrnimmt, die diese moderne Bundeslade aussendet. Ja, es sind geraunte Rätsel, die zu beantworten, sich spätere Generationen in Blogs und klugen Zeitschriftenartikeln bemühten. Der lange schon gestorbene Weise kicherte angesichts des Bemühens eifriger Sucher, er wusste es, dieser Kasten war nichts anderes als sein alter Briefkasten, der ständig voller Fan-Post seiner Anhänger steckte und nun einfach leer ist.

    Liebe Grüße von Meer
    Klausbernd

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  5. …das ist ein sehr aussage-intensives Bild, und ich find den Ausdruck “freundlicher Verfall” gut🙂 Die Geschichten von Euch beiden, Martin und Klausbernd, begeistern mich.. und ich denke, der blaue Kasten mit seiner Strahlung kann symbolisch stehen für die zahllosen Inspirationen, die uns in all die verwunschenen Gärten der (Innen- und Außen-)Welt bringen können – wenn wir uns nur öffnen für sie.

    Ein tolles Projekt🙂

    Ganz liebe Wochenendgrüße ..und vom Lisa-Monsterchen ein sanfter Nasenstupser zurück,
    Ocean🙂

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